
SuSi reist rückwärts: Ein Monat mit Oswald von Wolkenstein
Adeliger. Reisender. Diplomat. Dichter. Sänger. Ehemann. Streithahn. Gefangener. Und angeblich das Opfer einer ziemlich eigenwilligen Fee.
Einen Monat lang war das grüne Büchlein mit Oswald von Wolkenstein unterwegs. Wir haben ihn durch Tirol und halb Europa verfolgt, seine Lieder kennengelernt, seine politischen Auseinandersetzungen betrachtet und festgestellt, dass bei diesem Mann eine Regel besonders wichtig ist: Nicht alles glauben, was Ossi über Ossi erzählt.
Denn ein Teil dessen, was wir über seine frühen Abenteuer wissen, stammt aus seinen eigenen Liedern. Und Oswald von Wolkenstein war nicht nur ein begabter Dichter. Er verstand auch etwas von Selbstdarstellung.
Rich & connected
Oswald wurde um 1376/77 vermutlich auf Burg Schöneck im Pustertal geboren. Seine Eltern, Friedrich von Wolkenstein und Katharina von Villanders, gehörten zum niederen Tiroler Adel, verfügten aber über beträchtlichen Besitz und Ansehen. Oswald war der zweite Sohn – und damit materiell gegenüber dem Haupterben benachteiligt.
Nach seinen eigenen Schilderungen verließ er ungefähr mit zehn Jahren die Heimat und zog als Knappe in die Welt hinaus. Die Forschung kann nicht jede Station seiner frühen Reisen urkundlich absichern; seine Lieder bleiben deshalb zugleich Quelle und kunstvolle Selbstdarstellung. Fest steht: Oswald kam für einen Tiroler Adeligen seiner Zeit erstaunlich weit herum.
Und was ist mit dem Auge?
Wer Oswalds berühmtes Porträt betrachtet, bemerkt sofort sein geschlossenes beziehungsweise herabhängendes rechtes Auge. Was genau dahintersteckte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Bei der Untersuchung seiner 1973 aufgefundenen Gebeine fiel eine Asymmetrie der Augenhöhlen auf; in der Forschung wurden sowohl eine angeborene Besonderheit als auch eine Verletzung in der Kindheit diskutiert. Eine eindeutige Ursache lässt sich daraus nicht ableiten.
Und dann wäre da noch die Sage, die uns auf Runkelstein begegnet ist: Eine Fee soll von Oswald ein Auge als Opfer verlangt und ihm dafür feinere Hände zum Lautenspiel geschenkt haben.
Historischer Beweiswert: keiner. Charmefaktor: beträchtlich.
Ossi kommt nach Hause. Jetzt wirds ungemütlich
Um 1400 starb Oswalds Vater. Der weitgereiste Sohn kehrte nach Tirol zurück und geriet in familiäre Besitz- und Erbstreitigkeiten. 1405 eskalierte der Konflikt mit seinem Bruder Michael: Nach der Darstellung der Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft verletzte Michael ihn mit dem Schwert lebensgefährlich. Die Deutsche Biographie nennt als unmittelbaren Hintergrund außerdem Geld und Schmuck, die Oswald an sich genommen hatte, sowie eine falsche Beschuldigung seiner Schwägerin.
Der Streit war mehr als bloßer Familienkrach. Besitz, Rechte und Einkünfte bestimmten im Adel über wirtschaftliche Sicherheit, gesellschaftliche Stellung und politische Handlungsmöglichkeiten.
Richter, Kirchenmann – und dann kommt Anna
Von 1409 bis 1413 stand Oswald im Dienst des Bischofs von Brixen und war unter anderem als Richter tätig. 1411 erhielt er im Chorherrenstift Neustift Wohnrecht und wurde dessen weltlicher Schutzherr.
In diese Jahre fällt auch sein Verhältnis zu Anna Hausmann, der Tochter des Brixner Schulmeisters Hans Hausmann. Was genau zwischen Anna und Oswald geschah, lässt sich nicht so romantisch rekonstruieren, wie spätere Erzählungen es gern hätten. Hier treffen historische Spuren, Dichtung und spätere Ausschmückungen aufeinander.
Ossi goes international
1415 trat Oswald beim Konzil von Konstanz in den Dienst König Sigismunds. In dessen Umfeld führten ihn Gesandtschaftsreisen 1415/16 unter anderem nach Portugal, Aragón und Frankreich. Die Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft führt auch seine Beteiligung an der Eroberung Ceutas an.
Oswald bewegte sich damit mitten in der europäischen Politik seiner Zeit.
Andere machten Urlaub am Bodensee. Ossi machte Networking.
Liebe, Ehe und Minne
1417 heiratete Oswald Margarete von Schwangau aus einem angesehenen schwäbischen Adelsgeschlecht. Für sie entstanden Liebeslieder und Liebesduette; die Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft verweist ausdrücklich darauf, dass er darin ihren Adel, ihre Schönheit und ihre Stimme rühmte.
Oswalds ungewöhnlich umfangreiches Werk umfasst rund 130 ein- und mehrstimmige Lieder sowie zwei Reimpaarreden. Es reicht weit über das klassische Bild vom Minnesänger und der unerreichbaren Dame hinaus: Seine Texte handeln von Liebe und Ehe, Reisen und Religion, Politik, Gefangenschaft, Spott, Essen und Trinken. Sie können höfisch und kunstvoll, aber auch körperlich, komisch, derb und ausgesprochen persönlich sein.
Besonders faszinierend ist „Es fügt sich“, sein berühmter autobiografischer Lebensrückblick: keine nüchterne Autobiografie, sondern ein kunstvoll inszeniertes Ich, in dem Reiseerinnerung, Übertreibung, Ironie und Selbstdarstellung ineinandergreifen.
Ossi gegen Friedrich
Weniger harmonisch verlief Oswalds Verhältnis zu Herzog Friedrich IV. von Österreich, dem Tiroler Landesfürsten. Hinter dem Konflikt stand ein größerer politischer Gegensatz: Teile des Tiroler Adels verteidigten ihre Rechte und Handlungsspielräume gegenüber einer stärker werdenden landesfürstlichen Herrschaft. Oswald gehörte zur adeligen Opposition und war Mitglied des Südtiroler Adelsbunds.
Seine Nähe zu König Sigismund machte ihn zusätzlich zu einem politisch gut vernetzten, aber für Friedrich unbequemen Akteur.
Keiner hat Ossi lieb
1421 wurde es dramatisch. Im langwierigen Streit um Burg Hauenstein geriet Oswald in die Gewalt seiner Gegner. Auf Schloss Forst bei Meran wurde er eingesperrt und gefoltert. Am 17. Dezember 1421 übernahm Herzog Friedrich IV. ihn in landesfürstliche Haft; erst rund drei Monate später kam Oswald gegen eine hohe Kaution frei.
Damit waren die Konflikte nicht beendet. Nach weiteren Querelen, Flucht und erneuter Haft wurde Oswald 1427 freigelassen, konnte die Hauensteiner Güter erwerben und unterwarf sich als letztes Mitglied des Tiroler Adelsbunds Friedrich IV.
Secret Society unlocked
Natürlich ging Ossi nicht einfach nach Hause. 1428 wurde er als Freischöffe in die westfälische Veme aufgenommen. Zugleich ließ er die sogenannten „Ruprechtschen Fragen“ abschreiben; die Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft bezeichnet diese Überlieferung als älteste und vollständigste Fassung des Femerechts.
Nach Fehden, Haft und politischer Niederlage hätte ein anderer vielleicht beschlossen, sich fortan seinem Garten zu widmen.
Ossi? Secret Society unlocked.
Vacanze in bella Italia
Zwischen 1431 und 1434 nahm Oswald an Reichstagen in Nürnberg und Ulm teil und begleitete Sigismund auf dessen Weg zur Kaiserkrönung nach Rom. Während dieses Italienaufenthalts entstand vermutlich sein berühmtes Porträt, das in die zweite kostbare Liederhandschrift aufgenommen wurde.
Die um 1432 fertiggestellte Handschrift B enthält 118 Lieder beziehungsweise Spruchgedichte und bildet eine zentrale Grundlage der heutigen Edition. Das Autorbildnis gehört zu den berühmtesten Darstellungen eines deutschsprachigen Dichters des Mittelalters.
Goodbye, Ossi
Am 2. August 1445 starb Oswald von Wolkenstein in Meran. Sein Leichnam wurde nach Neustift bei Brixen überführt und in der Klosterkirche beigesetzt.
Damit endete ein Leben, das selbst ohne spätere Legenden erstaunlich genug war: Reisen, Fürstendienst und Diplomatie, Familienkonflikte und Fehden, Gefangenschaft und Folter, Ehe und Kinder, Prozesse, Politik – und ein außergewöhnliches dichterisches und musikalisches Werk.
Und irgendwann kamen die Geschichten dazu. Von Abenteuern, die vielleicht größer wurden, je öfter man sie erzählte. Von einem auffälligen Auge, dessen Ursache ungeklärt blieb. Und natürlich von einer Fee, die offenbar dringend ein Auge brauchte und dafür ausgezeichnete Musikerhände im Angebot hatte.
Was hat Ossi hinterlassen?
Vor allem eine ungewöhnlich unmittelbare Stimme aus dem späten Mittelalter.
Oswald von Wolkenstein ist heute nicht deshalb spannend, weil er sich bequem in das Etikett „Minnesänger“ stecken ließe. Er war zugleich Angehöriger des Tiroler Adels, Reisender, Krieger, Richter, Diplomat, politischer Akteur, Ehemann, Prozessierer, Sänger und Dichter.
In seinen Liedern begegnen uns höfische Kultur und derber Humor, große Politik und privater Ärger, Frömmigkeit und Lebenslust, Reisen, Liebe, Ehe, Feindschaft – und ein bemerkenswert selbstbewusst inszeniertes Ich.
Dabei müssen wir immer unterscheiden zwischen dem historischen Oswald, dem Oswald seiner eigenen Lieder und dem Ossi, den spätere Jahrhunderte aus ihm gemacht haben.
Vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis unseres ersten Monats: Geschichte besteht nicht nur daraus herauszufinden, was geschehen ist. Sie bedeutet auch zu fragen, wer uns davon erzählt – und warum.
Das grüne Büchlein war deshalb nicht nur am Schreibtisch unterwegs. Es durfte hinaus in Ossis Welt: nach Neustift, zu den Burgen und schließlich nach Runkelstein, wo wir das spätmittelalterliche Tirol noch einmal mit anderen Augen betrachten konnten. Und dort begegnete uns schließlich sogar die Fee.
Geotracking: permanently disabled.
Ossi Status: dead since 1445.
Playlist Status: still online.
Mach’s gut, Ossi. Wir hören uns.
Gelesen: die Ossi-Bibliothek
Dieter Kühn: Ich Wolkenstein. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1977 und zahlreiche spätere Ausgaben. Eine große literarisch-biografische Annäherung an Oswald und seine Zeit. Die Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft führt Kühns Werk in ihrer Bibliographie der Oswald-Biographien.
Anton Schwob: Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie. Bozen: Athesia, 1977, zahlreiche weitere Auflagen. Schwob gehörte zu den prägenden Oswald-Forschern und war später Mitherausgeber der mehrbändigen Edition der urkundlichen Lebenszeugnisse.
Gerhard Ruiss / Oswald von Wolkenstein: Lieder. Nachdichtungen. Folio Verlag, Wien/Bozen. Band 1: Und wenn ich nun noch länger schwieg’ (2007); Band 2: Herz, dein Verlangen (2008); Band 3: So sie mir pfiff zum Katzenlohn (2010). Ruiss bietet moderne Nachdichtungen; die Bände enthalten die historischen Texte zum Vergleich.
Für die historischen Eckdaten dieses Artikels wurden ebenso die wissenschaftlich betreuten Seiten der Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft und die Neue Deutsche Biographie herangezogen.
